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Christian Günther
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Julius Meier-Graefe in Dresden

Julius Meier-Graefe [1867-1935] war und ist einer der umstrittendsten Kunstschriftsteller des beginnenden 20.Jahrhunderts. Immer wieder stand er durch seine Publikationen im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit. Sein Stil war ein sehr persönlicher und engagierter, dessenungeachtet hatten seine Texte hohen wissenschaftlichen Wert. Er wollte nicht durch Fakten und Daten glänzen, sondern sich der Kunst durch die Sinne nähern.

In seinem Buch ,, Der Fall Böcklin`` von 1905 analysierte Meier-Graefe anhand des nationalistischen Kultes um den Maler Arnold Böcklin die Kultursituation im damaligen Deutschland als eine Verfallssituation. Dies brachte ihm heftige Auseinandersetzungen mit Vertretern der offiziellen Kunstauffassung, so daß, wie Avenarius schrieb, ,,... über dieses Buch ein Vierteljahr lang in allen Monats- und Wochenschriften und Tagesblättern, die im deutschen Zeitungswalde grünen und gilben, ein großes Gerausch ertönt ist``.[1]

Bemerkenswert ist Julius Meier-Graefes Einsatz für den französischen Impressionismus. Mit zahlreichen Veröffenlichungen und durch die Organisation von Ausstellungen verhalf er ihm in Deutschland zum Durchbruch. Seine Publikationen ,, Eduard Manet und sein Kreis`` (1902), sein Hauptwerk ,, Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst`` (1904) und ,, Impressionisten`` (1907) sicherten ihm eine herausragende Stellung in der modernen Kunstbewegung, die ihm in der Zeit des Nationalsozialismus die Verfemung seiner Person einbrachte. In der Ausstellung ,, Entartete Kunst`` 1937 in München wurde er zu den Kritikern der Systemzeit gezählt und durch Zitate aus seinen Werken diffamiert.[2]

Julius Meier-Graefe zog aus privaten Gründen nach Dresden [3] und lebte dort bis 1921. Die Kontakte zu dieser Stadt reichten bis in das Jahr 1897 zurück [4], und auch nach 1921 blieb er ihr verbunden. [5] Über künstlerische Ereignisse in Dresden schrieb er schon, bevor er in die Stadt kannte. So erschienen 1898 zwei Artikel in der Zeitschrift ,, Dekorative Kunst``, die er zusammen mit Ferdinand Bruckmann (1814-1898) gegründet hatte.

Die Dresdner Jahre waren von der Arbeit für die Marées-Gesellschaft geprägt. Die Idee zur Gründung einer solchen Gesellschaft stammte vom Verleger Reinhard Piper; als er Meier-Graefe 1913 davon berichtete, war dieser sofort begeistert. [6] Realität wurde die Idee jedoch erst 1916. Den Ausschlag gab ein Prospekt, das man versandt hatte, um das Interesse an einer solchen Gesellschaft zu prüfen. Es liefen innerhalb einer Woche ,, Subskriptionen in Höhe von vierzig-tausend Mark`` [7] ein.

Als Geschäftsstelle zeichnete der Piper-Verlag in München; die Redaktion jedoch befand sich in Dresden, zunächst Sedanstraße 39, dann Kaitzer Straße 4. Als Leiter wurde Julius Meier-Graefe genannt. Reinhard Piper bezeichnete die Gesellschaft als ,,... ein Mittel, die geistigen Beziehungen zwischen den Völkern zu pflegen.`` [8] Dabei wurde größter Wert auf ein internationales Verlagsprogramm und auf höchste gestalterische Qualität der Bücher und Mappenwerke gelegt. Die Mitglieder des ,, Vereins der Freunde der Marées-Gesellschaft`` zahlten einen Mitgliedsbeitrag von 20 Mark; die Einkünfte wurden zur Unterstützung notleidender und begabter Künstler und für gemeinnützige Zwecke künstlerischer Art verwendet. Als Jahresgabe erhielten Vereinsmitglieder drei bis vier unedierte Originaldrucke oder Faksimiles und 25% Nachlaß auf das Jahrbuch ,, Ganymed``.

In den Bucheditionen erschienen Werke der Weltliteratur; für Illustrationen wurden bedeutende zeitgenössische Künstler herangezogen. Piper vermerkt: ,, Der Zusammenhang von Schrift und Bild wird zu einer künstlerischen Aufgabe.`` [9] Man entwickelte eigene Schrifttypen und radierte oftmals Text und Bild auf die gleiche Platte.

Mit der Herausgabe der Mappen verband sich die Vorstellung, bedeutende Kunstwerke der Vergangenheit als auch der Gegenwart einer Allgemeinheit zugänglich zu machen. Diesem sozialen Aspekt waren durch die Kostspieligkeit in der Herstellung Grenzen gesetzt, die man dadurch zu überwinden suchte, daß man Probedrucke oder Fehldrucke mit geringen Mängeln öffentlichen künstlerischen Einrichtungen kostenlos für eine geraume Weile überließ. Neben Reproduktionen wurden außerdem originalgraphische Werke zeitgenössischer Künstler herausgegebenen.

Die Texte zu den Mappen waren von Dichtern und Gelehrten wie Richard Dehmel (1863-1920), Gustav Glück (1871-1952), Gerhart Hauptmann (1862-1946), Wilhelm Hausenstein (1882-1957) und Julius Meier-Graefe selbst verfaßt. Im Winter 1917 erschienen die ersten vier von insgesamt 47 Drucken. Es war Goethes ,, Clavigo`` (mit Aquarellen Götz von Seckendorffs ,, in memoriam``), eine ,, Cézanne``-Mappe (zehn Aquarelle in Faksimile), ,, Shakespeare-Visionen`` (mit 30 Originaldrucken deutscher Künstler der Gegenwart) und ,, Die Skizzenmappe`` (mit 70 Faksimiles von Zeichnungen und Aquarellen französischer Meister des 19.Jahrhunderts). Der Anspruch, technisch hochwertige Drucke zu produzieren, verlangte viel Zeit. Es ist Meier-Graefe zu danken, daß dieses Unternehmen so lange Bestand haben konnte, ohne seine Qualität zu verlieren. Dazu Reinhard Piper: ,, Ich hätte die komplizierte Arbeiten neben all meiner andern gar nicht bewältigen können, wenn nicht Meier-Graefe selbst sich an der Aufgabe mit der ihm eigenen Energie beteiligt hätte``. [10] Die bedeutendsten unter den zahlreichen Mappen mit Originalgraphik waren ,, Gesichter`` (1919) und ,, Jahrmarkt`` (1922) von Max Beckmann (1884-1950).

Die Unzufriedenheit mit den Druckanstalten ,,... und die Einsicht, daß nur ein ausschließlich mit Qualitätsarbeit beschäftigtes Personal die gewünschte Schulung erreichen kann...`` [11], führte zu der Entscheidung, 1920 in Berlin eine eigene graphische Anstalt zu eröffnen. Am 1.Januar 1921 nahm die Ganymed-Presse unter künstlerischer Aufsicht Julius Meier-Graefes den Betrieb in Berlin, Friedrichstraße 16, auf. Als Beirat war Leo von König hinzugetreten. Die Neugründung der Druckerei trug sicher dazu bei, daß Meier-Graefe 1921 Dresden verließ. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 27 Mappen der Marées-Gesellschaft erschienen, unter anderem mit Originalen und Reproduktionen von Arbeiten der Künstler Lovis Corinth (1858-1925), Eugène Delacroix (1798-1863), Vincent van Gogh (1853-1890), Rudolf Großmann (1882-1941) oder Hans von Marées (1837-1887) und Texten von Fjodor Dostojewski (1821-1881), E.T.A. Hoffmann (1776-1822) und Ovid (43v.Chr.-um 18 n.Chr.).

Das Wirken Meier-Graefes in Dresden blieb nicht nur auf die Arbeit für diese Gesellschaft beschränkt. 1921 fand in der Galerie Arnold, Schloßstraße, eine Ausstellung mit Werken Edvard Munchs statt. [13] Julius Meier-Graefe, der Munch seit 1892 kannte, hatte bereits 1894 zusammen mit Willy Pastor, Stanislav Przybyszewski und Franz Servaes eine Broschüre über Munchs Bilder verfaßt. [12] Seit dieser Zeit bemühte er sich, das Werk des Norwegers bekannt zu machen. Es ist wahrscheinlich, däs die Initiative für die Dresdner Ausstellung von Meier-Graefe ausging; bewiesen ist, daß er an deren Organisation wesentlich beteiligt war. Am 13.Mai 1921 schrieb er an Munch: ,, Ich freue mich sehr, daß wir Deine Ausstellung nach Dresden bekommen und möchte Dich bitten, doch unter allen Umständen hierher zu kommen, wenn die Ausstellung eröffnet ist. Ich würde mich, wie Du Dir denken kannst, sehr freuen, Dich endlich einmal wiederzusehen. Auch planen wir hier, Dir ein kleines Fest zu geben; also Du findest hier allerlei gutgesinnte Menschen. Vielleicht kannst Du mir mitteilen, wann Du etwa kommen wirst, damit wir uns ein wenig einrichten können.`` [14]

Munch selbst, der bereits 1893, 1894, 1899, 1900, 1908 und 1913 in Dresden ausgestellt hatte, kam nicht zu dieser Ausstellung, wie aus einem Artikel Meier-Graefes in den ,, Dresdner Neuesten Nachrichten`` vom 17.Juni 1921 hervorgeht. In diesem Artikel würdigte er die Qualität der Werke Munchs und verglich ihn in seiner Bedeutung mit Degas und Toulouse-Lautrec: ,, Es gibt vielleicht keine Malerei die erschöpfend mit seinem Namen zu bezeichnen wäre, aber Formen, die nur ihm gehören, wie z.B. Degas und Lautrec die Ihrigen haben...``. Zu seinen Graphiken schrieb er: ,, Lückenlos ist der Graphiker Munch. Sonderbar, wie hier Dinge, die dem Maler ganz fern zu liegen scheinen, Gestalt gewinnen, selbst bei Vorwürfen, die als Gemälde da sind. Sehr schöne, schlechterdings reizvolle Dinge, sogar Erinnerungen an die Welt Delacroix. Nie ist seine Persönlichkeit so frei von Fieber, wie auf dem Stein und auf der Kupferplatte.``

Nicht nur Meier-Graefe selbst bewertete die Austellung positiv. Die belegt eine Notiz in der Sächsischen Staatszeitung vom 18.Juni 1921. [15]

Julius Meier-Graefe schrieb auch Dramen und Romane. Am 2.September 1920 wurde im Schauspielhaus Dresden sein Stück ,, Die reine Farbe`` unter der Leitung von Berthold Viertel uraufgeführt. [16] Die Handlung beschränkt sich im wesentlichen auf drei Personen: den Maler Fritz Reck (dargestellt durch Friedrich Lindner, gestorben 1955), den Kunstkritiker Karl Jäger (Lothar Mehnert, 1875-1926) und Recks Frau Liese (Laice Verden, 1885-1956). Der Dreieckskonflikt endet für alle Beteiligten tragisch. In der Kritik erfuhr das Drama unterschiedliche Bewertungen. [17]

In den Jahrewn nach 1921 reiste Julius Meier-Graefe noch oft zu Ausstellungsbesuchen nach Dresden. Diese Reisen fanden ihren Niederschlag in verschiedenen Zeitungskritiken, u.a. in der ,, Frankfurter Zeitung``.

Die Bedeutung Julius Meier-Graefes für die Kunstgeschichtsschreibung ist bis heute nur in einzelnen Zeitungsartikeln und Vorwörtern zu Neuauflagen seiner Werke hervorgehoben worden. Das einzige Buch, welches sich ausschließlich seiner Person widmet stammt von Kenworth Moffett mit dem Titel ,, Meier-Graefe as art critic`` [18]. Eine umfassendere Würdigung seines gesamten Werkes steht noch aus.

Anmerkungen

[1] Ferdinand Avenarius, Worauf kommt's an? In: Der Kunstwart, Oktober 1905, S1

[2] Vgl. Katalog ,, Entartete Kunst - Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland``, Berlin 1992, S.76-80

[3] Ich danke Frau Dr. Catherine Krahmer, Paris, für diesen Hinweis.

[4] Meier-Graefe war 1897 zur Internationaln Kunstausstellung Dresden gefahren, die zum ertsen Mal auch eine wichtige kunstgewerbliche Abteilung zeigte. Vgl. Catherine Krahmer, Über die Anfänge des Neuen Stils. In: Katalog Henry van deVelde - Ein europäischer Künstler in seiner Zeit, Hagen 1992, S.157

[5] In diesem Artikel soll jedocch nur die Zeit zwischen 1917 und 1921 behandelt werden.

[6] Reinhard Piper, Mein Leben als Verleger, München 1964, S.256

[7] Ebenda, S.371

[8] Reinhard Piper, Die Drucke der Marées-Gesellschaft. In: Almanach des Verlags R.Piper & Co 1904-1924, München 1924, S.96

[9] Ebenda, S.98

[10] Wie Anm. 6, S.372

[11] Wie Anm. 8, S.99

[12] Stanislav Przybyszewski, Edvard Munch: Vier Beiträge, Berlin 1894

[13] Bereits 1913 fand in der Galerie Arnold eine Ausstellung mit Werken Munchs statt

[14] Brief von Julius Meier-Graefe an Edvard Munch vom 13.Mai 1921, Munch-Museum Oslo

[15] ,, Die Ausstellung der neueren Gemälde von Edvard Munch in der Galerie Arnold muß am Dienstag, den 21.Juni, geschlossen werden. Da die Gelegenheit, die Werke der großen Norwegers zu sehen, sicherlich nich so bald wieder vorkommen wird und auch für das Dresdner Ausstellungswesen ein Ereignis bedeutet, so ist der Besuch der Ausstellung den für die Gegenwart interessierten Kunstfreunden empfohlen.``

[16] Weitere Aufführungen fanden am 8., 17. und 27. September 1920 statt.

[17] Christian Gaede in: Literarisches Echo, Jg.23, 1920/21, Heft 2, S.94: ,, So wird sicher nicht zum letzten Male der Beweis erbracht, daß auch der größte Kunstverstand, und wenn er mit Menschen- und mit Engelszungen redete, als Kunstschöpfer versgaen muß, weil das Wissen um das Können nur ein bescheidener Teil dieses Könnens ist.`` - Julius Ferdinand Wolff, Reine Farbe. In: Dresdner Neueste Nachrihten vom 4.September 1920: ,, In diesem Drama ist alles auf den Schauspieler gestellt. Die Aufführung entsprach durchaus solcher Forderung. Mit den Künstlern wurde der Dichter am Schlusse wiederholt hervorgerufen.``

[18] Kenworth Moffett, Meier-Graefe as art critic, München 1973




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Christian Guenther
Sonntag, 19. November 1995, 14:49 Uhr MEZ